Predigt "Lassen"

Predigt von Pastoralreferent Horst Köstner zur Haltung "Lassen"- 14.02.16


Liebe Schwestern, liebe Brüder,

seit einigen Jahren erfreut sich quer durch alle Berufszweige ein Trend immer größerer Beliebtheit: In Bildungshäusern, Klöstern oder an Wallfahrtsorten fragen immer mehr Menschen an und gönnen sich einige Tage oder Wochen eine Auszeit aus dem Alltag. Einfach mal raus, mal aussteigen. Manche suchen Stille und Meditation, andere interessieren sich für thematisch gestaltete Angebote wie Wüsten-oder Oasentage oder Wandern mit Bibel und Rucksack.   
Auch wenn die Motivationen für so eine Auszeit verschieden sind, so eint doch fast alle der Wunsch, einmal loszulassen und aufzutanken. Loszulassen, was zu viel ist, was einengt, was vielleicht Motivation und Lebensfreude raubt: Sei es der Stress, alte Gewohnheiten oder manchmal auch festgefahrene Vorstellungen und Ansprüche. Einfach das Leben wieder darauf ausrichten, was wirklich zählt.

Lassen, Loslassen: Dies ist nicht nur ein moderner individueller Weg, um sich selbst zu finden. Lassen, Loslassen, das ist auch eine Grundhaltung, der ich mit Ihnen im Rahmen des Erneuerungsprozesses unserer Diözese „Kirche am Ort- Kirche an vielen Orten gestalten“ nachspüren möchte. Doch was heißt „Lassen“, wie kann diese Grundhaltung in unseren Gemeinden zur Orientierung werden?

Wenn wir auf das Evangelium schauen, dann sehen wir, dass die heutigen Auszeiten keine moderne Erfindung sind, sondern ein prominentes Vorbild haben: Jesus Christus selbst. Noch bevor Jesus sein öffentliches Wirken beginnt, zieht es ihn in die Einsamkeit der Wüste zu Fasten und Gebet, 40 Tage lang. Der Evangelist Lukas zeigt uns: Hier steht nicht ein großer Gottessohn, dem von Anfang an Stärke und innere Entschlossenheit einfach in die Wiege gelegt wurden. Nein, hier steht ein Mensch, der vor einer großen Veränderung in seinem Leben, einer großen Aufgabe steht und der die Kraft und Orientierung dazu erst finden muss.

Und was tut Jesus?  Er lässt los. Dreimal wird er vom Teufel, der oft als Hinderer erscheint, in Versuchung geführt. Dreimal lässt Jesus los. Dabei: Wie viel angenehmer und schöner wären der versprochene Reichtum und Macht gewesen – verglichen mit dem Leben als armer Wanderprediger.  Wie viel einfacher wäre es gewesen, seine göttliche Vollmacht auszuspielen für an sich verständliche Zwecke wie Brot zu erhalten. Doch gerade in den Anfechtungen der Wüstenzeit findet Jesus seinen Weg: Er lässt los, macht sich frei. Nur als Befreiter, kann er auch andere befreien. Nur so kann er die Botschaft vom Reich Gottes verkünden. Nicht um ihn geht es, son-dern um das Heil der Menschen, der Dienst am Menschen, auf dass sein Leben gelingt.

Auch die Kirche und ihre Glieder sind in Versuchung, Macht und Geld als Selbstzweck zu verwenden- im großen Bistum, wie in der kleinen Pfarrgemeinde. Das heißt nicht dass eine Gemeinde ihre Gebäude nicht erhalten sollte oder Geld aufwendet für die Ausstattung der Kirchen oder der Mitarbeiter. Das heißt nicht, dass sie sonntags mit denen, die kommen, nicht freudig Gottesdienst feiern sollte. Das ist alles richtig. Doch darf Kirche, darf Gemeinde dabei ihre ureigene Sendung nicht vergessen: Sie ist für das Heil der Menschen da, für die, die in den Gottesdienst kommen als auch für die, die –aus verschiedenen Gründen – fern bleiben.
    
Lassen, Loslassen: Eine Haltung auch für die Kirche in veränderter Zeit.
Auch Kirche und Kirchengemeinde tut eine Wüstenzeit gut, eine Phase der Prüfung, eine Zeit der Besinnung: Wo sind wir mit unsern Strukturen, unseren Handlungen und unseren Vorstellungen von den Menschen noch auf der Spur des Evangeliums und wo drehen wir uns vielleicht zu sehr um uns selbst? Wie können wir gerade für Suchende, Benachteiligte und Menschen in Krisen helfende und einladende Kirche sein? Nehmen wir diese überhaupt wahr?

Die Wüstenzeit, die unsere Kirche in Rottenburg-Stuttgart gehen will heißt „Kirche am Ort- Kirche an vielen Orten gestalten“.  Es ist ein Erneuerungsprozess, an dessen Anfang bewusst nicht Aktionismus oder schön ausgedachte Pastoralkonzepte stehen. Am Anfang steht die geistliche Selbstvergewisserung: Am Anfang steht die Frage: Wenn Gott der Halt unseres christlichen Lebens ist, mit welchen Haltungen gehen wir dann auf die Menschen zu?

Eine dieser Haltungen ist das Lassen, das Loslassen: Gerade in der Fastenzeit tut es gut, sich selbst zu fragen: Was können wir als Gemeinde loslassen, um offen und bereit für die Menschen zu sein, die auf uns warten? Vor allem: In was stecken wir unsere Energie und unsere Zeit? Welche Aktivitäten lohnt es sich fortzuführen und wel-che rauben uns Leben, weil sie nur noch leblos und halbherzig erhalten werden? Das können Gottesdienstformen- oder Zeiten sein oder liebgewordene Rituale und Gewohnheiten, die man immer schon so kannte.
Loslassen, das schließt auch die Frage nach unserem Blickwinkel ein: Wenn wir uns in unsere Gemeinde vor Ort wohl fühlen, schauen wir dann auch immer wieder über den Tellerrand hinaus? Schauen wir auf Orte, wo mir Gott in Mitmenschen begegnet, auch außerhalb der Kirchenmauern: In der Sozialstation, im Flüchtlingsheim, in der Nachbargemeinde, auch dort kann Kirche sein.

Freilich, Loslassen kostet Überwindung, ist nicht einfach. Doch kann es uns helfen, dass Loslassen ja kein Selbstzweck ist- Wenn wir Altes hinter uns lassen, tut sich ein Raum auf, um Neues zuzulassen, Neues zu wagen. Da werden neue Gedanken, neue Kräfte frei.   

Loslassen, um Neues zuzulassen. Bringt das nicht auch Ängste und Unsicherheit mit sich? Können wir dies schaffen? Doch schauen wir auf Jesus in der Wüste: Der Verzicht, das Loslassen lassen ihn nicht leer zurück, sondern er macht die Erfahrung, dass der neugewon-nene Raum erfüllt wird vom Heiligen Geist. Und dieser wirkt, weil er es zulässt, weil er Gott in sein Leben einlässt. Und daraus erwächst ihn ihm noch eine andere Form von Lassen: Gelassenheit, das Vertrauen, das Gott mit ihm ist und Zukunft schenkt.
 
Wie wäre das bei uns heute? Wenn wir trotz unserer Befürchtungen das Wagnis eingehen würden, Altes loszulassen, um neue Wege zu beschreiten? Wie wäre das, wenn wir Gottes Geist Raum geben, in uns zu wirken? Wir wissen nicht, wie Kirche in Zukunft sein wird, aber von Jesus wissen wir, dass wir Gottes Verheißung trauen dürfen: Ich gehe mit euch, auch durch eure Wüstenzeiten, auch im Lassen. Ich will euch Leben und Zukunft schenken. Amen.   

 

 

 Link Kurzfilm "Lassen"